Im Zug habe ich gestern den Beitrag Kleine Füße, große Sorgen (Magdalena Hamm, Die Zeit Nr. 8 vom 18.02.2010, S. 32) gelesen. Darin verweist die Autorin auf eine aktuelle österreichische Studie zu Kinderschuhen. Es überrascht allerdings wenig, dass “die ausgezeichnete Schuhgröße von der tatsächlichen Innenlänge der Schuhe” abweicht. Darüber hinaus erfährt man, dass sich die Schuhindustrie an dem Pariser Strich orientiert, um die Leistenlänge zu bestimmen und dass es keine EU-weit verbindlichen Normen gibt. Daraus schlussfolgert die Autorin: “Es fehlt eine verbindliche Größennorm”. Das ist aus meiner Sicht Unsinn. Es fehlt keine neue Norm, sondern es fehlen Unternehmen, die Schuhe massen-individuell produzieren (Mass Customization). Siehe dazu Schuhe für das 21. Jahrhundert? Warum nicht gleich richtig? oder Was hat der Ballenbreitengrad mit Mass Customization zu tun? oder Kennen Sie das DOROTHY-Projekt? oder Size Germany - brauch man diese Messungen? oder … Ich habe dazu schon viele Beiträge geschrieben und auf Konferenzen gesehen, dass es in Europa viele entsprechende Projekte gibt. Es ist wirklich schade (ärgerlich), dass Redakteure einfach Meldungen von Studien übernehmen und daraus platte Konsequenzen ziehen, die nicht mehr zeitgemäß sind. Ein wenig mehr Recherche wäre angebracht und dem Anspruch von Die Zeit angemessen. Um es noch einmal hervorzusheben: Es geht darum, individuelle Schuhe zu Preisen auf den Markt zu bringen, die denen eines massenhaft produzierten Standardschuhs entsprechen. Das folgende Video aus dem Jahr 2007 soll daher nur die prinzipielle Vorgehensweise deutlich machen.
Becker, J.; Beverungen, D.; Knackstedt, R.; Behrens, H.; Glauner, C.; Wakke, P.: Stand der Normung und Standardisierung der hybriden Wertschöpfung. In: Arbeitsberichte des Instituts für Wirtschaftsinformatik, WWU Münster, Nr. 126. Editors: Becker, J.; Grob, H.L.; Hellingrath, B.; Klein, S.; Kuchen, H.; Müller-Funk, U.; Vossen, G. 2010: “Ziel des vorliegenden Arbeitsberichts ist es erstens, einen Überblick über bereits bestehende Normen und Spezifikationen im Umfeld der hybriden Wertschöpfung zu geben und zweitens, neue Standardisierungspotenziale für die weitere Entwicklung dieses Forschungsfeldes aufzuzeigen und diese für nachfolgende Forschungsaktivitäten zu erschließen” (Seite 3). Die hybride Wettbewerbsstrategie Mass Customization ist ohne eine Art Standardisierung nicht denkbar, da die verschiedenen Schnittstellen für die modularsiierten Produkte und Dienstleistungen erst den Einsatz von Konfiguratoren ermöglichen. Dennoch: Zu viel Standardisierung kann meines Erachtens auch dazu führen, dass der Übergang zu Open Innovation verpasst oder erschwert wird.
DOROTHY steht für Design for custOmer dRiven shOes and mulTi-site factorY. Dabei ist mir allerdings ein wenig unklar, woher das H bei DOROTHY kommt… Das Projekt läuft von 2008 bis 2011 und hat folgendes Ziel: “The customer, anywhere in the world, steps in a DOROTHY shop and co-designs the EU style shoe, that is manufactured in the multi-site-nation factory, designed thanks to DOROTHY tools.” Auf der MCPC2009 in Helsinki hatte ich Gelegenheit, mir den Vortrag Mass Customization in the footware industry: the DOROTHY project von Joanna Daaboul anzuhören. Wie der Titel schon sagt, geht es bei dem Projekt wohl um Mass Customization. Dennoch bin ich mir da nicht ganz sicher, denn es sieht für mich so aus, als ob es eher ein Open Innovation Ansatz ist. Bei Mass Customization könnte der Kunde seinen Schuh mit Hilfe eines Konfigurators zusammenstellen, müsste sich allerdings an einen definierten Lösungsraum halten (Solution Space Ebene). Bei Open Innovation steht dem Kunden ein Tool-Kit zur Verfügung, mit dessen Hilfe der Kunde seinen Schuh gestalten kann, ohne dass er an zu starke Restriktionen gebunden ist. Da ich auf der Projektwebsite nicht sehen kann, wie das Tool letztendlich aussieht, müssen wir warten, bis die ersten Ergebnisse des Projekts vorliegen. Ich bin darauf gespannt. Siehe dazu auch Schuhe für das 21. Jahrhundert? oder Was haben die großen Füße der Südafrikanerinnen mit Mass Customization zu tun?
Wie der Grafik zu entnehmen ist (Quelle: PwC Automitive Institute. In: Der Spiegel 46/2009:21), gibt es seit vielen Jahren eine deutliche Überkapazität bei der Produktion traditioneller Automobile. Auch die Prognose für 2010 geht von einer Überkapazität von 28.000.000 Autos weltweit aus. Weiterhin werden voarussichtich im kommenden Jahr 61.000.000 Autos produziert, was nicht heißt, dass es für die Produktion auch Abnehmer gibt. Womack/Jones/Roos haben schon in ihrer von 1985-1989 durchgeführten IMVP-Studie gezeigt (Blogbeitrag), dass damals von den ca. 60.000.000 Autos ca. 12.000.000 ohne einen direkten Kundenauftrag produziert wurden. Diese gigantische Verschwendung hat sich auch durch den verstärkten Einsatz von Lean Production und Lean Management nicht merklich reduzieren lassen. Es sieht also auch 2009 so aus, dass es zu viele Massenproduzenten und zu wenige wettbewerbsfähige Hersteller gibt, die sich massenhaft auf die einzelnen Kunden einstellen können (Mass Customizer). Siehe dazu auch Faktenblatt Mass Customization. Die Umsetzung von Lean-Konzepten ist eine notwendige, allerdings nicht ausreichende Bedingung, sich den aktuellen Herausforderungen zu stellen. Darüber hinaus sollten Innovation in den Mittelpunkt rücken, die sich an den Bedürfnissen der Kunden orientieren und nicht alleine auf neue Antriebskonzepte fokussiert sind (Blogbeitrag). Die Kunden sind nicht an Autos, sondern an Mobilität interessiert. Es kommt also darauf an, massenhaft individuelle Mobilitätskonzepte zu entwickeln und somit Service- und Produktinnovationen anzustoßen. Der Blick auf auf die aktuellen Diskussionen in der Automobilindustrie zeigt die stark verkürzte Perspektive der aktuell Handelnden: Poltiker denken bis zur nächsten Wahl (in NRW Anfang 2010), Hersteller an ihre aktuellen Anlagen, die ausgelastet werden sollten und Gewerkschaften an den Erhalt der Arbeitsplätze. Wo bleiben da die Bedürfnisse der Kunden?
Vor einiger Zeit haben wir die ersten Ergebnisse zu Mass Customization und Open Innovation in Mittel- und Osteuropa in einem Paper und in einer Google Map dargestellt (Blogbeitrag). Die Map wurde damals von Chris Chatzopoulos erstellt, der einen eigenen Blog zu Mass Customization in Griechenland hat. Chris war auch auf der MCPC2009 in Helsinki und hat die Map Anfang Oktober überarbeitet - Herzlichen Dank! Man sieht recht deutlich, dass Mass Customization und Open Innovation immer stärker in Mittel- und Osteuropa beachtet werden. Ich führe das auch darauf zurück, dass wir seit 2004 alle 2 Jahre eine Konferenz zu Mass Customization und Open Innovation in Mittel- und Osteuropa durchführen. Die von mir initiierte Konferenz (MCP-CE 2010) wird in 2010 zum vierten Mal stattfinden, diesmal in Novi Sad (Serbien). Natürlich werde ich Sie darüber noch ausführlich informieren.
Die 5. Weltkonferenz zu Mass Customization and Personalization MCPC2009 fand vom 04.-08.10.2009 in Helsinki statt. Die eigentlichen Konferenztage waren der 05. und 06.10.2009. Am 04.10. und am 08.10. konnte man noch an verschiedenen Workshops teilnehmen. Am Montag (05.10.2009) begann die Konferenz mit Begrüßungen durch Matti Alahuhta (Aalto University Foundation und CEO von Kone), Jarmo Suominen (University of Art and Design, Helsinki), Mitchell Tseng und Frank Piller (Conference Program Co-Chairs). Die Eröffnungsrede hielt dann Joseph Pine mit dem Titel “The Future of Mass Customization”. Anschließend ging es in die Sessions, die jeweils verschiedene Aspekte von Mass Customization beleuchteten. Die von mir besuchten Vorträge erwiesen sich allesamt als sehr interessant und haben mich im Verständnis der jeweils vorgetragenen Perspektiven weitergebracht. Die Vorträge endeten um 18.30 Uhr und das Conference Dinner began am Montagabend um 20.00 Uhr in dem beeindruckenden Vanha Old Student House in Helsinkis Innenstadt. Da dieses Gebäude direkt gegenüber von unserem Hotel lag, war es nur ein kurzer Fußweg zu einem gelungenen Abend mit vielen guten Gesprächen. Es zeigt sich immer wieder, dass es bei Konferenzen wichtig ist, Gelegenheiten für den informellen Austausch zu haben, damit neue Netzwerke entstehen können. Am zweiten Konferenztag (06.10.2009) zeigten die Gründer von Zazzle, wie man Konferenzen nutzen kann. In ihrem Keynote-Vortrag erläuterten sie, dass der kurz zuvor geschlossene Kooperationsvertrag auf einen Kontakt von der letzten Weltkonferenz am MIT in Boston zurückzuführen ist. Meinen Vortrag “Multiple Competencies in Open Innovation Business Model” habe ich am Dienstagvormittag gehalten. Ich war überrascht, über die sehr positiven Reaktionen. Ich erhielt von vielen Teilnehmern Visitenkarten mit der Bitte, nach der Konferenz Kontakt aufzunhemen. So wie es aussieht, habe ich mit dem Thema einen Nerv getroffen - gut so… Am Nachmittag war ich verantwortlich für eine Session, in der es um Co-Creation ging. Insgesamt konnte ich viele Bekannte aus der MCP-Community wieder treffen und neue Kontakte knüpfen. Die vielen gewonnenen Erkenntnisse, werde ich in meine weiteren Arbeiten einfließen lassen.
Gerade zurück von der 5. Weltkonferenz zu Mass Customization and Personalization MCPC2009, die in Helsinki stattgefunden hat, möchte ich noch einmal auf die Fachtagung Kundenindividuelle Produktion des RKW am 22.10.2009 in Marburg/Lahn hinweisen. Sollten Sie an Mass Customization interessiert sein und keine Gelegenheit gehabt haben, nach Helsinki zu fliegen, so besteht in Marburg/Lahn nun die Chance, sich über die Vorteile von Mass Customization zu informieren - es lohnt sich. Einen ausführlichen Bericht zu meiner Teilnahme an der MCPC2009 folgt noch.
Für die 5. Weltkonferenz zu Mass Customization and Personalization MCPC2009 wurde ich als Session Chair nominiert. Es freut mich sehr, dass ich einen eigenen Vortrag halten und auch für eine Vortragsreihe (Session 24 am zweiten Konferenztag) verantwortlich sein werde. Langsam aber sicher freue ich mich auf die Konferenz und die vielen Gespräche mit Teilnehmern aus aller Welt. Siehe dazu auch Konferenzen.