Bekleidung: Produkte genügen immer noch nicht den Anforderungen der Kunden

Eigene Abbildung in Anlehnung an Piller (1998)

Es hat den Anschein, dass es sich die Modeindustrie leisten kann, die Anforderungen ihrer Kunden zu ignorieren. Die Abbildung zeigt, eine heute immer noch anzutreffende Diskrepanz zwischen den Kundenanforderungen und den realen Produkteigenschaften.

Schauen wir uns die drei Dimensionen Passform (eng-weit), Mode (bieder-modisch) und Preis (billig-teuer) an, so sind zunächst die Kundenanforderungen 1, 2 und 3 positioniert. Es wird deutlich, dass sich alle drei Kundenanforderungen unterscheiden – was durchaus üblich ist. Das Produkt (P) wird nun so positioniert, damit alle Kunden irgendwie damit zurechtkommen. Der Kunde erhält nicht unbedingt das, was er/sie benötigt.

Die Logik dahinter ist immer noch zu oft der Break.Even-Gedanke. Das heißt, es müssen genügend viele Produkte einer Art hergestellt werden, damit es sich für das Unternehmen rechnet. Diese Skalierung (Menge) führt dann zu akzeptablen Preisen – so die altbekannte Logik.

In diesen „akzeptablen Preisen“ sind allerdings auch die Kosten der Überproduktion (mehrere hundert Milliarden Euro pro Jahr) enthalten, deren Vernichtung der Kunde mit dem Preis der Ware auch bezahlt. – von den Retouren ganz zu schweigen.

Ich erspare es mir an dieser Stelle, auf die unzähligen wissenschaftlichen Studien dazu hinzuweisen, die auf den verschiedenen Konferenzen – an denen ich seit 2001 teilgenommen habe – vorgestellt wurden. Dabei wurden auch Lösungsmöglichkeiten angeboten: Mass Customization and Personalization. Siehe zu Freund, R. (2009): Kundenindividuelle Massenproduktion (Mass Customization). RKW Kompetenzzentrum, Faktenblatt 5/2009.

Seit Jahrzehnten ist es möglich, massenhaft Bekleidung herzustellen, die individuell ist, und zum Preis einer in großen Mengen hergestellten Massenware zu erhalten ist.

Es stellt sich natürlich die Frage: Warum wird das nicht genutzt?

In der Zwischenzeit verfestigt sich bei mir die Auffassung, dass die Kunden nicht das physische Produkt, sondern hauptsächlich die aufgeladene Marke (Werbe-Ikonen, Influencer, Marketing, In-Out, usw.) kaufen – egal ob das Bekleidungsstück passt oder nicht. Wenn nicht, wird es angepasst – Änderungsschneidereien in 1a-Lagen haben Hochkonjunktur. Wie in der Abbildung mit dem Kreis dargestellt, umfasst – ja überstrahlt – die Marke alle Kundenanforderungen.

Bei einem individuell hergestellten Bekleidungsstück (mass customized) würde es ein Produkt sein, dass passt, preislich OK ist, doch möglicherweise nicht dem vorgegeben modischen Trends entspricht. Auch die Marke würde fehlen – und wer will das schon? Immerhin dient das Kleidungsstück ja auch zu einem großen Teil der Kommunikation. Kleider machen eben Leute.

Wenn Sie sich zu diesen und anderen Themen informieren wollen: Die MCP Community of Europe trifft sich auf der Konferenz zu Mass Customization and Personalization – MCP 2026 – vom 16.-19.09.2026 in Balatonfüred, Ungarn. Wir sind dabei.

UNIQLO & TORAY: Mass-User Innovation aus einer etwas anderen Perspektive

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Der Begriff „User Innovation“ wird meistens mit den Überlegungen und Veröffentlichungen von Eric von Hippel in Verbindung gebracht, der bei Innovationen nicht so sehr von Unternehmen/Organisationen, sondern von einzelnen Usern ausgeht (Siehe dazu: Von Democratizing Innovation zu Free Innovation). Dabei war es Eric von Hippel schon in den 80er Jahren wichtig, beispielsweise auf Lead User hinzuweisen (von Hippel 1986).

Dieser Ansatz, Innovationen – auch massenhafte Innovationen – von einzelnen Personen (User) aus zu betrachten, kann auch als Mass User Innovation bezeichnet werden, wobei der Schwerpunkt hier auf sehr vielen „Usern“ liegt. Interessanterweise habe ich in einem Paper den Begriff Mass-User Innovation ganz anders interpretiert gefunden. Dort geht es eher darum, den Schwerpunkt von der Anbieterseite her zu betrachten. Der folgende Text stellt die Zusammenhänge dar:

„On the contrary to the one-way flow of disseminating context of new breakthroughs from a minor group of avant-couriers to the uninterested mass public, the mass-user innovation is driven by the dynamic tension amongst what is possible from the offering side, what is valuable from the intermediating body, and what is needed from the consuming mass. This model necessitates ever intensive processing of technical information in mass quantity in order to retain the signalling precision between the enmeshed fabrics of product supply and market demand. (…) Now it is known that TORAY has established an array of exclusive product lines for UNIQLO and let the committed production stop and go according to Fast Retailing’s analysis of market demand“ (Choi 2011 | PDF).

Auch hier wird wieder deutlich, dass Begriffe durchaus unterschiedlich und missverständlich sein können. Es kommt immer wieder auf den jeweiligen Kontext an. Erst wenn der bekannt ist (möglichst mit Quellenangabe) wird klar, was gemeint ist. Siehe dazu auch Innovationsmanagement.

Und ich dachte jetzt kommt der Sommer …

Von Jutta Pfau-Freund: Vor einigen Tagen, also Anfang Juni, landet doch tatsächlich der erste Winterkatalog auf meinem Schreibtisch. In Gedanken versunken, fiel mein erster Blick auf den Kalender: 10 Juni, also noch vor Sommeranfang. Wie kann das sein? Ich warte eigentlich auf den Sommer, auf wochelangen Sonnenschein, im Garten sitzen oder im Eiscafé, oder einfach nur die Sonne hinter der Scheibe spüren. Mir fällt ein, daß die Sommerkataloge auch schon im Dezember eintrudeln, was ich aber als angenehmer empfinde, da dann der Frühling und Sommer naht.  Also Sommerkatalog im Dezember ist ok. aber Winterkataloge im Juni, das ist einfach zu früh für mich. Durchgeblättert habe ich natürlich doch. Frau muß ja wissen was im nächsten Winter in ist.

Was hat der Blog THESARTORIALIST.COM mit Open Innovation und Kompetenz zu tun?

Freizeitkleidung1.jpgIn der heutigen Ausgabe der Welt am Sonntag schreibt Ulf Poschardt über Jedermanns neue Kleider. In dem Artikel geht es nicht um die in vielen Magazinen beworbene Designermode einzelner Größen der Branche, sondern um die Mode, die auf der Straße zu finden ist. Diese Mode wird von einigen Modeinteressierten fotografiert und in das Netz gestellt. In der Zwischenzeit haben sich Webseiten und Blogs etabliert, die sogar schon (wie zu lesen ist) unter den TOP 100 der Meinungsmacher in der Modebranche zu finden sind. In dem Beitrag Jedermanns neue Kleider sind folgende genannt: Das Social Network ILIKEMYSTYLE und die Blogs THESARTORIALIST, FACEHUNTER.BLOGSPOT.COM, STYLECLICKER.NET, STILINBERLIN.BLOG.SPOT.COM usw.. Mode wird dabei nicht mehr alleine „von oben“ verordnet: Bekannte Designer sagen, was „in“ ist. Mode entsteht hier durch die Blogs selbstorganisert „von unten“ (Bezug zu Kompetenz als Selbstorganisationsdisposition), wodurch sich Muster ergeben (Modetrends). Darüber hinaus werden die Kunden in die Wertschöpfungskette integriert, indem sie nicht nur Lieferant von Bedarfsinformationen sind, sondern die konkrete Lösung umsetzen (Kernelement von Open Inovation, bzw. der Interaktiven Wertschöpfung). In Zukunft wird sich die Modebranche (und nicht nur die) daran gewöhnen müssen, dass man zwar weiterhin Geschäftsmodelle „von oben“ entwicklen kann, diese sich allerdings auch „von unten“ selbstorganisiert entwicklen werden.