Künstliche Intelligenz ist kein neutraler Interaktionspartner

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In meinem Blogbeitrag vom 24.10.2026 ging es um Cyberself und Personalisierung. Dabei wurde herausgestellt, dass Menschen und KI-Systeme durchaus mehrere „Persönlichkeiten“ haben können, wobei der Begriff bei Menschen und KI-Modellen unterschiedlich ist.

Wenn Menschen also KI-Modelle als Interaktionspartner nutzen, passen sich die KI-Systeme dem Nutzer an, wodurch eine Art Zuschreibung einer „Persönlichkeit“ durch den Nutzer entsteht. Manche Nutzer schreiben das KI-Modell auch in damit verbundenen Texten (Prompts) an.

Dadurch entsteht eine Interaktion der Bestätigung, die kritische oder konfliktträchtige, emotionale – eben menschliche – Interaktionen verkümmern lässt. Treffen die Personen, die ihre KI-Modelle und -Agenten als Partner sehen, auf die reale menschliche Welt, kann es zu antisozialen Reaktionen kommen.

„Zusammengefasst ist KI kein neutraler Interaktionspartner, sondern ein sozial wirksamer Akteur, dessen Effekte maßgeblich durch seine Funktionslogik, sein Trainingsziel und sein Interaktionsdesign bestimmt werden. Anwendungen, die primär auf Zustimmung und Konfliktvermeidung ausgelegt sind, riskieren langfristig eine Schwächung der Selbstreflexion, Perspektivenvielfalt und sozialen Konfliktfähigkeit sowie eine Verschiebung sozialer Bindungen weg von menschlichen Beziehungen. Aufklärung über Konsequenzen und die Stärkung individueller Kompetenzen sind zentral“ (Glöckner et al., 2026).

Es kommt daher bei der Nutzung von Künstlicher Intelligenz auch darauf an, Modelle zu nutzen, die transparent und frei verfügbar sind – eben den Anforderungen von Open Source AI (Definition) entsprechen. Siehe dazu auch Mit proprietärer Künstlicher Intelligenz (KI) kauft man sich auch die Denkwelt der Eigentümer ein.

Es bieten sich daher verschiedene europäischen KI-Modelle an (Open Weight und Open Source), die ich auf einer Open Street Map zusammengetragen habe:

Ausschnitt aus der Open Street Map zu europäischen KI-Modellen
https://umap.openstreetmap.de/de/map/open-source-ai-in-europe_148154#6/49.952292/9.706089

Cyberself und Personalisierung

Conceptual technology illustration of artificial intelligence. Abstract futuristic background

In verschiedenen digitalen Räumen stellen sich Personen unterschiedlich dar, wobei diese Darstellung nicht unbedingt der digitalen Person (Persönlichkeit) entsprechen muss. Laura Robinson (2007) hat beispielsweise argumentiert, dass „das Subjekt anhand der digitalen Elemente ein „self-ing“ betreibe und sich sodann als „Cyberself“ (2007, S. 98) hervorbringe. Das Cyberself sei ein ephemeres Selbst, so Robinson, welches nur für kurze Zeit beständig, rasch änderbar und ohne langfristige Bedeutung sei, da es sich stets in Abhängigkeit zu Handlungen bilde (vgl. ebd.)“ (Rathmann 2022).

Robinson, L. (2007). The cyberself: the self-ing project goes online, symbolic interaction in the digital age. New Media & Society, 9(1), 93–110. https://doi.org/10.1177/1461444807072216

Auch KI-Modelle unterscheiden sich untereinander. Je nachdem mit welchen Daten, Restriktionen und Regeln sie versehen wurden, spiegeln diese KI-Modelle eine Art „Persönlichkeit“ gegenüber den Nutzern, die sich allerdings von der menschlichen Persönlichkeit unterscheidet.

„Auch KI weist individuelle Unterschiede und eine Art „Persönlichkeit“ auf. Jedoch unterscheiden sich LLMs grundlegend vom Menschen: Sie agieren ohne neurobiologische Prozesse und primär über sprachliche Kanäle, während sich menschliche Persönlichkeit multimodal manifestiert“ (Schrödel et al., 2026).

Wenn sich also Künstliche Intelligenz, und hier speziell das hinterlegte Large Language Model (LLM), mit seiner „Persönlichkeit“ der menschlichen Persönlichkeit annähert, ist es möglich, einen Prozess der ständigen Personalisierung von Aussagen, Dienstleistungen und Produkten anzustoßen.

„LLMs bieten damit interessante Ansatzpunkte für personalisierte Anwendungen: Sie können aktuelles Verhalten erkennen, zukünftige Entwicklungen vorhersagen und durch sprachbasierte Interventionen gezielt verändern. Eine fortlaufende Personalisierung auf Basis längerer Interaktionsverläufe dürfte die Wirksamkeit dieser Schritte erhöhen. Belastbare empirische Evidenz zu Wirksamkeit und Nebenwirkungen fehlt bislang (Stade et al., 2024)“
Schödel et al., (2026). Künstliche Intelligenz und Individuelle Unterschiede: Eine Perspektive der Fachgruppe Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik, Psychologische Rundschau, vol. 77, no. 3, pp. 149–155, Jul. 2026, doi: 10.1026/0033-3042/a000766.

Wenn sich also ein LLM – oder mehrere – immer wieder an die das Cyber-self anpasst, kann das gut gelingen, es kann allerdings auch sein, dass dieses multiple Cyberself gar nicht der analogen Person entspricht. Es käme dann zu einem Mismatch, der nicht dazu beiträgt, Werte für den Nutzer zu schaffen. Im schlimmsten Fall, könnte der Prozess sogar Werte vernichten.

Wenn ein Unternehmen also Personalisierung mit Hilfe der verfügbaren LLMs aufbauen möchte, sollte es sich darüber im Klaren sein, dass das Cyberself von dem analogen Menschen immer noch abweicht. Ich habe manchmal den Eindruck, dass Unternehmen immer noch dem Mythos unterliegen, dass sie durch die vielen generierten Daten eine Art Abbild vom Menschen vorliegen haben.

In der von mir initiierten Konferenzreihe zu Customization and Personalization geht die Community of Europe auf solche Zusammenhängen mit aktuellen Forschungsergebnissen und Fallstudien ein. Zuletzt haben wir uns auf der MCP 2026 vom 16.-19.09. in Balatonfüred (Ungarn) getroffen. Auch 2028 werden wir uns wieder treffen. Zu der Konferenzreihe können Sie sich gerne auf MCP-CE.org informieren.

Cyberself, Persönlichkeit und analoges Selbst in digitalen Räumen

AI (Artificial intelligence) AI management and support technology in the Business plan marketing success customer. AI management concept.

Jede Person möchte seine Persönlichkeit, seine Kompetenz kommunizieren. Das passiert im analogen Raum genauso wie in digitalen Räumen. Mit Hilfe von digitalen Medien transportiert jeder moderne Mensch Fragmente seiner Persönlichkeit in unterschiedlichen digitalen Räumen. Dabei kann es durchaus passieren, dass die im Digitalen Raum 1 dargestellte Person, sich von der im Digitalen Raum 2 unterscheidet.

Andererseits ist diese Perspektive auch reflexiv zu sehen, denn die Interaktionen und Kommunikationen mit anderen wirken durchaus auch auf die eigene, digitale und analoge Person zurück. Dazu passt ganz gut der folgende Text:

„Das dadurch repräsentierte Selbst muss jedoch nicht zwangsläufig dem realen, analogen Selbst entsprechen, sondern kann auf eine bewusst optimierte Repräsentation hinauslaufen oder eine fiktive andere Gestalt annehmen. Zudem können sich Subjekte in diversen digitalen Netzwerken unterschiedlich repräsentieren. Auch Laura Robinson argumentiert, dass das Subjekt anhand der digitalen Elemente ein „self-ing“ betreibe und sich sodann als „Cyberself“ (2007, S. 98) hervorbringe. Das Cyberself sei ein ephemeres Selbst, so Robinson, welches nur für kurze Zeit beständig, rasch änderbar und ohne langfristige Bedeutung sei, da es sich stets in Abhängigkeit zu Handlungen bilde (vgl. ebd.)“ (Rathmann 2022).

Es stellt sich für mich die Frage, wie sich beispielsweise die immer stärkere Nutzung von KI-Modellen auf das analoge Selbst und das Cyberself auswirkt. Wenn die Richtung der kommunikativen Wechselwirkungen auch reflexiv ist, sind KI-Modelle durchaus persönlichkeitsverändernd.

Das kann einerseits positiv zur eigenen Entwicklung beitragen, oder eben auch nicht. Bei den, von den amerikanischen Tech-Konzernen entwickelten Modellen, habe ich so meine Bedenken, da diese Modelle ein Mindset repräsentieren, dass für Menschen, und ganze Gesellschaften gravierende negative Folgen haben kann.

Die Intransparenz der bekannten Closed Sourced Modelle wie ChatGPT von OpanAI oder Gemini von Google etc. oder auch das von Elon Musk beeinflusste Modell Grok von X repräsentieren eine Denkhaltung, die auf ein von Technologie dominiertes Gesellschaftssystem ausgerichtet sind. Es stellt sich die Frage, ob wir das so wollen.

Siehe dazu auch Digitale Souveränität: Europa, USA und China im Vergleich und ausführlicher Maria Salvatrice Randazzo & Guzyal Hill (2025): Human dignity in the age of Artificial Intelligence: an overview of legal issues and regulatory regimes. Australien Journal of Human Rights, pages 386-408 | Received 28 Aug 2023, Accepted 12 Nov 2024, Published online: 23 Apr 2025

Wissenschaft etwas anders gesehen…

In dem Artikel Die „vermessene“ Wissenschaft (FAZ vom 31.12.2012, S. 12) plädiert Hans Jörg Hennecke, Professor für Politikwissenschaft an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Rostock, für eine „Rückbesinnung auf die persönliche Verantwortung in Politik und Wirtschaft“. Der Autor kritisiert die „exakten Naturwissenschaften“ und beschreibt diese Herangehensweise sehr doppeldeutig als „vermessen“. Welche Konsequenzen diese verengte Sichtweise auf hochkomplexe Situationen hat, zeigt Hennecke deutlich auf: „Das Erfahrungswissen, das implizite und verstreute Wissen und Werten Einzelner, wird von explizitem, konstrutivistischem Wissen und Werten des Staates verdrängt“. Ein Sowohl-als-auch wäre hier sinnvoller. Siehe dazu auch Die Welt bleibt unberechenbar und If you can not measure it, you can not manage it.