Chaos macht das Leben und die Intelligenz möglich

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Keiner will Chaos! Es geht um Kontrolle über Abläufe, die Umwelt, das eigene Leben usw. Doch lernen wir langsam (sehr langsam), dass das Leben mit seiner Entwicklung in den letzten Milliarden von Jahren immer wieder überraschende Sprünge gemacht hat. Siehe dazu auch Die Selbstorganisation des Universums.

Solche Bifurkationspunkte in komplexen Systemen (siehe Synergetik nach Haken) haben in Summe eben auch dazu geführt, dass es uns Menschen gibt. Es scheint so zu sein, als ob es in manchen Situationen gut ist, wenn etwas regelmäßig passiert, in anderen Situationen eben nicht. Das kann man sich am eigenen Körper gut klarmachen:

„Es ist wohlbekannt, dass das Herz im Prinzip regelmäßig schlagen muss, weil wir sonst stürben. Das Hirn aber muss im Prinzip unregelmäßig arbeiten, sonst würden wir epileptisch. Dies zeigt, dass Unregelmäßigkeit, Chaos, zu komplexen Systemen führt. Das bedeutet nicht etwa Unordnung, im Gegenteil, ich würde sagen, gerade das Chaos macht das Leben und die Intelligenz möglich“ (Prigogine, zitiert in Briggs, J.; Peat, F. D. (1999): Die Entdeckung des Chaos. Eine Reise durch die Chaos-Theorie).

Wenn Chaos allerdings Leben und die Intelligenz möglich macht, dann ist Chaos eben nicht nur negativ, sondern auch positiv zu sehen. Das entspricht leider nicht der umgangssprachigen Interpretation des Wortes Chaos, das fast immer dann gebraucht wird, um etwas negativ darzustellen. Wir tun gut daran, diese Interpretation zu ändern, denn immerhin sind wir als Menschen aus einem Chaos entstanden.

Die Selbstorganisation des Universums

Eigene Darstellung (vgl. Briggs/Peat 1999)

In vielen Bereichen der Arbeitswelt wird schon länger deutlich, dass die Antwort auf die veränderte, immer stärker vernetzte Umwelt mit ihrer daraus entstehenden Komplexität, mehr Selbstorganisation ist.

In allen Organisationen ist dieser Trend zu erkennen. Projektarbeit beispielsweise ist an sich schon eine Art der Selbstorganisation und Agiles Projektmanagement verstärkt diesen Ansatz noch einmal. Doch es geht nicht nur um die Selbstorganisation auf der Teamebene, sondern auch um die individuellen Ebene, die organisationale Ebene und die Netzwerkebene.

Betrachten wir Kompetenz als Selbstorganisationsdisposition, so wird klar, dass es um Koordination von Kompetenz auf diesen Ebenen geht. Siehe dazu auch Freund, R. (2011): Das Konzept der Multiplen Kompetenz auf den Analyseebenen Individuum, Gruppe, Organisation und Netzwerk.

Selbstorganisation kann allerdings noch größer als ein grundlegendes Prinzip in komplexen Systemen gesehen werden. Die Allgemeine Systemtheorie (Luhmann) und die Synergetik (Haken) bieten dazu Erklärungen an, und zeigen gleichzeitig auf, wie strukturiert unsere Umwelt gleichzeitig ist. Die Abbildung visualisiert qualitativ die Selbstorganisation des Universums über die Zeit und in seiner räumlichen Ausdehnung.

Wenn Selbstorganisation also ein grundlegendes Prinzip ist, kann man sagen, dass in den letzten Jahrhunderten der Industrialisierung Selbstorganisation „ausgesperrt“ wurde. Es wurde so getan, als ob alles vorab planbar, messbar und somit fremdorganisiert sein muss.

Ganze Beraterdynastien haben zunächst mit der industriellen Fremdorganisation und dem damit verbundenen Effektivität- und Effizienz-Gedanken viel Geld verdient. Jetzt propagiert genau die gleiche Branche mehr selbstorganisierte Arbeit und bietet zur Umsetzung ihre eigenen Dienste an. Ein ähnliches Phänomen haben wir bei vielen Politikern, die in der Vergangenheit alles industrialisiert haben und jetzt alles wieder renaturieren wollen. Honi soit qui mal y pense.

Siehe dazu auch Wie hängen Wandel, Energie und Prozess zusammen?

Welche Selbstorganisations-Theorie ist für Innovation geeignet?

Wesentliche Vertreter der Grundlagen einer Komplexitätswissenschaft und Vorreiter
einer terminologischen Präzisierung von Komplexität (Bandte 2007:50, aus Stüttgen 2003): Eigene Hervorhebungen

In unserer komplexen Welt verwenden viele den Begriff „Komplexität“, doch fragt man nach wird deutlich, dass an unterschiedliche naturwissenschaftliche Ansätze gedacht wird. In der Abbildung sind daher wesentliche Vertreter der Grundlagen einer Komplexitätswissenschaft und Vorreiter einer terminologischen Präzisierung von Komplexität zu sehen, die den verschiedenen Disziplinen zugeordnet sind

Ein wesentlicher Schwerpunkt in der Komplexitätsdiskussion befasst sich mit SELBSTORGANISATION. In der Abbildung sind von mir bekannte Vertreter zu Selbstorganisations-Theorien hervorgehoben, die aus den Bereichen Biologie und Physik/Chemie kommen. Überraschend ist dabei, dass viele wichtige Theorien zum Thema um 1970 fast zeitgleich erschienen sind:

„Es war der magische Zeitpunkt um 1970, als fast zeitgleich erste naturwissenschaftliche Theorien der Selbstorganisation erschienen, die eine paradigmatische Wende einläuteten: die biologische Theorie der Autopoiese von Humberto Maturana, die Arbeit zur molekularen Evolution von Manfred Eigen, die thermodynamische Theorie dissipativer Systeme fernab vom Gleichgewicht von Ilya Prigogine sowie die aus der Quantenoptik und der Theorie der Phasenübergänge stammende Theorie der Synergetik von Hermann Haken. Die Begründer dieser Theorien kamen aus sehr unterschiedlichen Disziplinen“ (Petzer/Steiner 2016).

Da ich mich viel mit Innovationen befasse, ist es mir natürlich wichtig zu erfahren, welche Passung diese Theorien mit der Entstehen neuer Dienstleistungen, Produkte oder (allgemein) neuen Gesellschaftsstrukturen haben. Sehr interessant ist dabei, dass die Autopoiese (Maturana) wohl nicht so gut geeignet erscheint, und die Synergetik von Haken (1996) wohl besser passt:

„Obwohl die Autopoiese einen großen Einfluss im biologischen und vor allem im soziologischen Bereich hat, so ist ihr Bezug zur Selbstorganisation eher im zirkulären
Wirken bestehender Ordnung zu sehen. In Hinblick auf die Entstehung (Emergenz) von Ordnung und verschiedener Ordnungsstufen trifft die Autopoiese keine Aussagen. Sie setzt bereits Ordnung voraus. Daher sah Hermann Haken auch keinen Anlass sich mit dieser, vor allem im Rahmen des Radikalen Konstruktivismus in der Literatur hofierten und diskutierten Theorie, intensiver auseinanderzusetzen.

Übertragen auf soziale Systeme kann die Autopoiesetheorie Innovation oder die
Entstehung neuer Gesellschaftsstrukturen nicht thematisieren
„.

Quelle: (Petzer/Steiner 2016). Die Autoren nennen zur Unterstützung dieser These noch folgende Quellen:

– Hermann Haken: Synergetics. An Introduction, New York, NY: Springer 1977.
– Bernd Kröger: Hermann Haken und die Anfangsjahre der Synergetik, Berlin: Logos 2013, S. 259.
– Vgl. auch Marie-Luise Heuser: „Wissenschaft und Metaphysik. Überlegungen zu einer allgemeinen Selbstorganisationstheorie“, in: Wolfgang Krohn/Günter Küppers (Hg.): Selbstorganisation.

Für Haken (1996) sind dabei Werte sozialer Selbstorganisation. Phasenübergänge stellen an Bifurkationspunkten die Übergänge von Mikrozuständen von Elementen zu Makrozuständen (Emergenz) dar.

„Es genügt also, das Verhalten der wenigen instabilen Systemelemente zu erkennen, um den Entwicklungstrend des gesamten Systems und seine makroskopischen Muster zu bestimmen. Die Größen, mit denen das Verteilungsmuster der Mikrozustände eines Systems charakterisiert wird, heißen nach dem russischen Physiker Lew D. Landau „Ordnungsparameter““ (Mainzer 2008:43-44).

Mit Hilfe Künstlicher und Menschlicher Intelligenz sollte es möglich sein, diese wenigen instabilen Systemelemente zu erkennen (Ordnungsparameter), um makroskopische Muster zu bestimmen.

Siehe dazu auch Freund, R. (2011): Das Konzept der Multiplen Kompetenz auf den Ebenen Individuum, Gruppe, Organisation und Netzwerk.