Warum werden Household Innovations belächelt?

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Um es gleich vorweg zu sagen: Mit diesem Beitrag möchte ich keine Diskussion über den Ukraine-Krieg entfachen. Es geht mir hier um ein Innovationsverständnis, dass nicht mehr zeitgemäß ist. In einem Interview mit The Atlantic hat sich Armin Papperger, Chef der Rüstungsunternehmens Rheinmetall, abfällig über die Drohnenproduktion in der Ukraine geäußert:

»Sie haben 3D-Drucker in der Küche und stellen Drohnenteile her. Das ist keine Innovation.« (Spiegel vom 30.03.2026: Rheinmetall-Chef bezeichnet ukrainische Drohnenhersteller als »Hausfrauen«).

Wenn jemand also mit Hilfe eines 3D-Druckers in seiner Küche Bauteile (hier für Drohnen) herstellt, kann das nicht als Innovation bezeichnet werden. Dieser Satz ist bezeichnend für ein Innovationsverständnis, das auf Schumpeter zurückzuführen ist, und Innovationen von Unternehmen, Organisationen, in den Mittelpunkt stellt. Dieses Producer Innovation Paradigm wurde allerdings in der Zwischenzeit erweitert.

Möglicherweise ist es Herrn Papperberger entgangen, dass es seit 2018 eine Definition von Innovation gibt, die ausdrücklich auch „houshold innovations“ beinhaltet – also auch ein User Innovation Paradigm. In meinem Paper zur MCP 2026 habe ich dazu folgendes geschrieben:

„A notable expansion of this perspective was provided by the OECD/Eurostat (2018, p. 32): “An innovation is a new or improved product or process (or combination thereof) that differs significantly from the unit’s previous products or processes and that has been made available to potential users (product) or brought into use by the unit (process).” Furthermore, this definition clarifies: “The generic term ‘unit’ describes the actor responsible for innovations. It refers to any institutional unit in any sector, including households and their individual members“ (Freund, 2026).

Eric von Hippel hat dazu in seinen Veröffentlichungen Democratizing Innovation (2005) und Free Innovation (2016) ausführlich dargelegt, wie wichtig die Household Innovations in der Zwischenzeit geworden sind. Herr Papperger sollte sich die von mir genannten Quellen, insbesondere die OECD/Eurostat-Definition aus dem Jahr 2018 ansehen, um wieder auf dem aktuellen Stand der Innovations-Diskussion zu sein.

Auf der MCP 2026 (16.-19.09.2026, Balatonfüred, Ungarn) gehe ich darauf in einem Paper ein:

Open-Source AI for Open User Innovation: Designing a Personal Fabrication Framework

Mein zweites Paper:

Digital Sovereignty and Open-Source AI: The European Way for Innovative SMEs

Worin unterscheiden sich Business Innovation (formale Innovation) von Household Innovation (informelle Innovation)?

Innovationen werden meistens noch aus dem Blickwinkel von Organisationen gesehen. Diese Innovationen werden formal durchgeführt und sind als Business Innovations bekannt. Solche Innovationen tauchen natürlich in den gängigen Statistiken zu Innovationen auf Länder- oder auch Unternehmensebene auf.

Nicht, oder nur wenig beachtet werden eher Innovationen die von einzelnen Personen oder Gruppen ausgehen, deren Bedürfnisse an Dienstleistungen und Produkten von Unternehmen nicht wirklich beachtet werden. Wie de Jong und von Hippe (2022) zeigten, gibt es einen immer größer werdenden Teil solcher informellen Innovationen, die als Household Innovations bezeichnet werden. Die folgende Tabelle zeigt die jeweiligen Unterschiede auf

Household InnovationBusiness Innovation
Dominant motivesPersonal need, hedonic, helpingCommercial, sales, efficiency
ExamplesConsumer innovation, open-source, Makers, hackersNew product development, R&D, technology licensing
Look and feelAmateurish, but sometimes very novelProfessional, better designed and engineered
Embedded inConsumer creative behaviors like DIY, tinkeringBusiness strategy, willingness to survive and/or grow
DisseminationFree sharing, startups, business adoptionSales, licensing, involuntary spillovers
Differences between household and business innovation nach de Jong & von Hippel (2022).in J. P. J. de Jong, M. Mulhuijzen, D. Cowen, E. Kraemer-Mbula, L. Onyango, E. von Hippel (2023). Making the Invisible Visible, Informal Innovation in South Africa.

Die dominierenden Motive unterscheiden sich, das Household Innovation meistens keine kommerziellen Ziele hat, Business Innovation demgegenüber schon. Darüber hinaus sehen Household Innovation oftmals amateurhaft aus, Business Innovation dagegen müssen top aussehen und sicher sein. Household Innovation ist oft ein Do it Yourself, ein ausprobieren und ein Learning by Doing. Business Innovation ist eingebettet in eine unternehmerische Innovationsstrategie mit ihren Prozessen. Household Innovation sind oft auch freu für andere verfügbar, was sie für Startups nutzbar macht. Business Innovation werden oft geschützt (Patente, Marken usw.) und sollten einen Businessplan erfüllen.

Es wird aus der Übersicht allerdings auch deutlich, dass sich Household Innovation und Business Innovation gut ergänzen könnten:

„Von Hippel (2017) explains that informal household innovation and business innovation complement each other. Informal innovations in the household sector are in principle freely available to anyone, as citizens barely protect their innovations. Commercial producers can take advantage by adopting informal innovations (to be marketed as commercial products) and by helping citizens to prototype innovations for themselves.“ (ebd.).

Siehe dazu auch Eric von Hippel (2017): Free Innovation.