Kann der Mensch überhaupt kommunizieren?

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Die Frage in meiner Blogüberschrift erscheint auf den ersten Blick etwas seltsam. Immerhin kommunizieren wir als Menschen doch permanent, oder? Schauen wir uns Kommunikation noch etwas genauer an, so ist die Frage gar nicht so leicht zu beantworten.

Bei Kommunikation geht es um den“ Austausch oder die Übertragung von Informationen“(Wikipedia). Dabei gibt es viele Facetten. die vom einfachen Sender-Empfänger-Modell, über die verschiedenen Ebenen von menschlicher und digitaler Kommunikation, bis hin zur Einordnung von Kommunikation in komplexen sozialen Systemen reichen.

Bei der Systembetrachtung gibt es Ansichten (z.B. von Luhmann), die der allgemeinen Auffassung von Kommunikation widersprechen. Die Systemtheorie von Niklas Luhmann geht zunächst einmal von der Kommunikation (nicht von Handlungen) aus und davon, dass „die Strukturen der Kommunikation in weitgehend allen sozialen Systemen vergleichbare Formen aufweisen“ (ebd.). Kommunikation ist also, so Luhmann, kein Ergebnis menschlichen Handelns, sondern ein Produkt sozialer Systeme (vgl. Dewe 2010).

Das gipfelt in der Aussage: „Der Mensch kann nicht kommunizieren, nur die Kommunikation kann kommunizieren“ (Krieger / Nassehi 1993:56).

Soziale Systeme tauschen also Informationen selbstreferentiell aus – sie kommunizieren, ohne dass der Mensch dafür erforderlich ist.

Der Mensch ist nach Luhmann konsequenterweise kein Bestandteil der sozialen Systeme, sondern Bestandteil der Umwelt. Die System-Umwelt-Kopplung macht die Kommunikation möglich. Wie am Anfang schon angedeutet, sind die Zusammenhänge nicht so einfach zu verstehen. Siehe dazu auch Künstliche Intelligenz: System – Umwelt – Mensch.

Künstliche Intelligenz: System – Umwelt – Mensch

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KI-Modelle sind auch Systeme, die selbstorganisiert, autopoietisch agieren. Es wundert daher nicht, dass bei der Beschreibung von KI-Systemen die üblichen Begriffe aus der Systemtheorie verwendet werden. Doch schauen wir uns einmal an, was beispielsweise mit dem Begriff Autopoiesis ursprünglich gemeint war.

„Das Kunstwort Autopoiesis, das sich aus den griechischen Worten autos (selbst) und poiein (=machen) zusammensetzt, wurde übrigens von Maturana selbst geprägt und meint so viel wie Selbsterzeugung, Selbstherstellung. Maturana und Varela haben den Begriff benutzt, um die Eigenart der Organisation von Lebewesen zu beschreiben. Es geht ihnen um die Definition bzw. Theorie des Lebendigen“ (Maturana / Varela 1992:50f.), zitiert in Dewe 2010).

Es wundert nicht, dass Maturana und Varela als Biologen damit etwas Lebendiges im Sinn hatten.

Weiterhin sind autopoietische Systeme nicht nur selbstbezogen, und selbstherstellend, sondern auch selbstbegrenzend (vgl. dazu W. Krohn und G. Küppers (Hrsg.): Emergenz: Der Entstehung von Ordnung, Organisation und Bedeutung. Frankfurt am Main 1992, S. 394).

Damit ist man bei der Beziehung System – Umwelt. „Das System bezieht jedoch nichts Vorgefertigtes aus der Umwelt, sondern es schafft sich durch interne Unterscheidungen seine bestimmte Umweltsensibilität. (…) Das System verändert sich, indem es seine Strukturen verändert – es lernt. Es verändert sich, wie bereits beschrieben, nicht unendlich, sondern nur so lange, wie es die eigene Autopoiesis nicht gefährdet“ (Dewe 2010).

Ein KI-System lernt somit nur so lange, wie die eigene Autopoiese nicht gefährdet ist.

Welche Rolle spielt der Mensch in Bezug auf System und Umwelt?

Wenn sich alles selbstorganisiert und selbstbegrenzend entwickelt, stellt sich die Frage, ob der Mensch Bestandteil des (sozialen) Systems ist, oder eher zur Umwelt zählt.

„Das Herauslagern des Menschen aus dem sozialen System in die Umwelt des Systems (in Form des psychischen Systems) verringert nicht die Bedeutung des Menschen, sondern verstärkt und unterstreicht ihn, denn wäre der Mensch mit Haut und Haaren Bestandteil des Systems dann handelte es sich um ein totalitäres System. Wird der Mensch aber herausgenommen, so schützt gerade dies seine Autonomie und Eigenständigkeit“ (Dewe 2010).

Wenn wir uns die KI-Modelle ansehen, so ist deren Ziel, den Menschen mit seinen Daten und Profilen im System abzubilden. Der Mensch wird somit immer mehr zum Bestandteil des KI-Systems.

Das bedeutet wiederum, ein KI-System kann in diesem Sinne immer mehr zu einem totalitäres System werden.

Menschliches Verhalten operiert mit einem speed limit von 10 bits/s. Was bedeutet das?

Jede Sekunde prasseln auf uns eine Unmenge an Daten ein. Zheng und Meister (2024) vom California Institute of Technology haben in ihrem Paper The Unbearable Slowness of Being: Why do we live at 10 bits/s? (PDF) dazu analysiert, dass der gesamte menschliche Körper eine Datenmenge von 109 bits/s absorbieren kann. Die Autoren nennen das „outer brain„.

Dabei stellt sich natürlich gleich die Frage, ob ein Mensch diese Menge auch zeitgleich verarbeiten kann. Die Antwort: Das ist nicht der Fall. Um existieren/leben zu können, müssen wir viele der äußeren Reize / Daten ausblenden. Doch wie viele Daten benötigen wir Menschen bei unserem Verhalten („inner brain„, ebd.) pro Sekunde? Auch hier geben die Autoren eine deutliche Antwort:

„Human behaviors, including motor function, perception, and cognition, operate at a speed limit of 10 bits/s. At the same time, single neurons can transmit information at that same rate or faster. Furthermore, some portions of our brain, such as the peripheral sensory regions, clearly process information dramatically faster“ (Zheng und Meister 2024).

Die Evolution hat gezeigt, dass es für den Menschen von Vorteil ist, gegenüber der absorbierbaren Datenflut (outer brain) ein innerliches Regulativ (inner brain) zu haben. Wir haben in der Vergangenheit auch unsere gesamte Infrastruktur (Straßen, Brücken usw.) auf die 10 bits/s ausgerichtet. Was ist, wenn wir die Infrastruktur auf die neuen technologischen Möglichkeiten ausrichten? Ist der Mensch dann darin eher ein Störfaktor?

Meines Erachtens sollten wir nicht immer versuchen, den Menschen an die neuen technologischen Möglichkeiten anzupassen, sondern die technologischen Möglichkeiten stärker an die menschlichen (inkl. Umwelt) Erfordernisse adaptieren. Aktuell geht die weltweite Entwicklung immer noch zu stark von der Technologie und den damit verbundenen „Märkten“ aus. Eine mögliche Alternative sehe ich in der von Japan vor Jahren schon propagierten Society 5.0.

Wandel ist nicht gleich Wandel: Sicherer Wandel, abschätzbarer Wandel, offener Wandel

Der Begriff Wandel ist in aller Munde, doch was versteht man darunter? Zahn/Dillerup (1995:38) unterscheiden den sicheren Wandel (Ruhige Umwelt), den abschätzbaren Wandel (Veränderliche Umwelt) und den offenen Wandel (Turbulente Umwelt). Selbstverständlich gibt es ein Kontinuum mit verschiedenen Zwischenzuständen (Stacey 1991). Nach Ackhoff (1994:175ff.) ist das Systemverständnis jeweils unterschiedlich. Im sicheren Wandel sind mechanistische Systeme üblich (Unternehmen als Maschine), beim abschätzbaren Wandel spricht man von organismischen Systemen (Unternehmen als Organismus) und beim offenen Wandel von sozialen Systemen (Unternehmen als soziales System). Diese Unterscheidung sollte man sich klar machen, denn zu den jeweiligen Metaphern gehören spezifische Managementziele. Beim sicheren Wandel geht es um Effizienz, beim abschätzbaren Wandel um kontinuierliche Verbesserungen und beim offenen Wandel um Erneuerung. Da wir uns in einem offenen, turbulenten Wandel befinden (Theorie der reflexiven Modernisierung) geht es in den Unternehmen darum, die Selbstorganisationspotenziale zu erschließen und zu nutzen. Siehe dazu auch Komplexität, Selbstorganisationsdisposition.