Kleidung pro EU-Bürger: 19 Kilo kaufen, 16 Kilo entsorgen – pro Jahr

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Seit mehr als 35 Jahren höre ich auf Konferenzen immer wieder von Studien die zeigen, wie verschwenderisch wir mit Kleidung umgehen. Das erste Mal ist mir das auf der Weltkonferenz MCPC 2001 an der HKUST (Hong Kong University of Science and Technology) bewusst geworden. Das gleiche Schema „Studien zeigen die Verwendung auf – es passiert allerdings nichts“ habe ich dann auf vielen weiteren Konferenzen in Asien, Europa und USA miterlebt.

Es ist bis heute für die Unternehmen immer noch günstiger, nicht verkaufte Ware wegzuschmeißen, als Ressourcen zu schonen. Verbrauchern ist nicht bewusst, dass sie mit dem Preis des Kleidungsstücks auch die Überproduktion und deren Entsorgung mitbezahlen. Siehe dazu auch Bekleidung: Produkte genügen immer noch nicht den Anforderungen der Kunden. Folgende Daten zeigen die aktuelle Situation noch einmal beispielhaft auf:

„Jeder EU-Bürger kauft pro Jahr im Schnitt einen großen Koffer voll neuer Kleidung, 19 kg – und wirft Jahr für Jahr 16 Kilo wieder weg, so Zahlen des Europäischen Parlaments“ (BR vom 19.07.2026).

Neue Technologien ermöglichen es der Modebranche immer schneller Designs zu entwickeln und Produkte herzustellen. Von Fashion haben wir uns zu Fast Fashion und sogar zu Super Fast Fashion entwickelt. Dabei muss man natürlich die Frage stellen, ob diese Entwicklung mit Blick auf die verschwendeten Ressourcen positiv ist.

„Von Fast Fashion zu Super-Fast-Fashion: Bis zu 9000 neue Designs pro Tag“ (Deutschlandfunk vom 25.05.2026).

Möglicherweise kommt jetzt etwas mehr Bewegung in das Thema, denn die Europäische Union will gegen diese Art der Verschwendung vorgehen. Da sich die Modeunternehmen und die Verbraucher weiter uneinsichtig zeigen, hat die Europäische Union mit der EU-Ökodesign-Verordnung einen ersten Schritt zur Eindämmung der Verschwendung unternommen; Große Modeunternehmen dürfen ab Juli 2026 unverkaufte Mode nicht mehr so einfach wegwerfen. Diese Regelung kritisieren (natürlich) die Unternehmen, doch kann es wie bisher nicht weitergehen – und das nicht nur bei Bekleidung.

Auch bei Lebensmittel, ja sogar bei der Autoproduktion wird nicht nach Bedarf hergestellt, sondern viel zu viel, was dann wiederum „in den Markt gedrückt“ (50% Sale usw.) oder entsorgt werden muss. Würden wir die Herstellung von Produkten und Dienstleistungen wirklich an den Bedürfnissen der Menschen und nicht an den Marketingkonzepten der Unternehmen orientieren, so wäre die Verschwendung von Ressourcen in vielen Branchen geringer. Siehe dazu auch Produkte und Dienstleistungen als Mehrwert für Kunden: Warum funktioniert das einfach nicht?

Wie wäre es, wenn man die Kosten für die Vernichtung der Überproduktion in einen Wert für den Kunden umwandeln würde?

Mit Hilfe neuer Produktionsansätze wie Mass Customization and Personalization können schon seit mehr als 30 Jahren Produkte für jeden einzelnen Nutzer massenhaft zu erschwinglichen Preisen hergestellt werden. Durchgesetzt hat sich dieser Ansatz allerdings immer noch nicht, da Kunden gerade in der Bekleidungsindustrie mehr nach Marken kaufen. Daher stecken die Modeunternehmen viel Geld in Marketing mit sogenannten Stars oder Influencern, das hält die Preise hoch, den Kunden ist die Qualität bei den Produkten nicht mehr so wichtig, was letztendlich die Gewinnmarge erhöht.

Mass Customization and Personalization ist der Schwerpunkt der Konferenz MCP 2026, die in die vom 16.-19.09.2026 in Balatonfüred, Ungarn stattfinden wird. Siehe dazu auch Freund, R. (2009): Kundenindividuelle Massenproduktion (Mass Customization). RKW Kompetenzzentrum, Faktenblatt 5/2009.

Die Möglichkeiten von Mass Customization werden immer noch zu wenig genutzt

Eigene Darstellung nach Reichwald/Piller (2006)

Über Mass Customization als hybride Wettbewerbsstrategie habe ich in unserem Blog schon sehr viele Beiträge geschrieben. Siehe dazu auch Freund, R. (2009): Kundenindividuelle Massenproduktion (Mass Customization). RKW Kompetenzzentrum, Faktenblatt 5/2009. In der Abbildung sind die vier grundsätzlichen Ebenen zu erkennen:

Differenzierungsvorteil: Der Kunden bekommt das Produkt, was er möchte.
Kostenposition: Der Preis ist nicht viel Höher als der Preis für ein massenhaft produziertes Produkt.
Kundenintegration: Der Kunde wird intensiv mit einbezogen (Co-Design).
Stabiler Lösungsraum: Kernelement sind die allseits bekannten Konfiguratoren.

Mass Customization kann heute mit den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz noch mehr dazu beitragen, die immer noch vorherrschende Verschwendung von Ressourcen zu reduzieren.

Unser Wirtschaften immer noch an massenhafter Verschwendung auszurichten, ist schon lange nicht mehr zeitgemäß, doch ändert sich in vielen Bereichen einfach noch zu wenig. In der MCP Week können Sie sich vom 16.-19.09.2026 über den aktuellen Stand der Entwicklungen und über Chancen von Customization and Personalization informieren. Wir werden auch dabei sein.

https://mcp-ce.org/

Wissensarbeit: Bestehen 60% der Gesamtarbeit aus „Arbeit rund um die Arbeit“?

Industriearbeit wurde in der Vergangenheit akribisch (Stichwort: REFA) auf Verschwendungspotenziale untersucht. Ganze Wertstromanalysen wurden beispielsweise betrachtet, um Lean Production oder später Lean Management in der Organisation zu etablieren. Auch das Agile Arbeiten, beispielsweise in Form des Agilen Projektmanagements, hat das Ziel, sich nur auf den Value für den User (Scrum) zu fokussieren. Das Scrum-Framework entstand immerhin aus der Überlegungen, Wissensarbeit besser zu organisieren (Hirotaka Takeuchi und Ikujiro Nonaka).

Es verwundert daher doch etwas, dass aus einer Studie von Asana aus dem Jahr 2023 hervorgeht, dass der Anteil der „Arbeit rund um die Arbeit“ bei Wissensarbeit immer noch erheblich ist. In der genannten Studie wurden fast 10.000 Wissensarbeiter befragt.

Dabei wird der Begriff „Arbeit rund um die Arbeit“ wie folgt beschrieben: „Tätigkeiten, die der wichtigen Arbeit Zeit entziehen, darunter die Kommunikation über die Arbeit, die Suche nach Informationen, das Wechseln zwischen verschiedenen Apps, die Bewältigung wechselnder Prioritäten und die Statusnachverfolgung von Arbeitsvorgängen“ (Asana 2025).

„Laut dem Bericht zur Anatomie der Arbeit von Asana [Anmerkung Robert Freund: aus dem Jahr 2023] werden 60 % der Arbeitszeit einer Person für „Arbeit rund um die Arbeit“ und nicht für Facharbeit aufgewendet“ (ebd.).

Bei Studien sollte man immer etwas kritisch sein, denn Asana ist selbst Anbieter einer Work-Management Plattform mit vielen Apps – möglicherweise tragen diese sogar auch zu dem Verschwendungspotenzial bei.

Bestände verdecken Probleme im Unternehmen

Krön (2017), in projektmanagementaktuell 1/2017

Wenn alle Prozesse problemlos laufen, benötigt ein Unternehmen geringe Bestände. Gibt es bei den Prozessen allerdings Hindernisse (Impediments), so wird das oft mit Beständen gepuffert. In der Abbildung ist das am Beispiel eines Maschinenbauunternehmens zu sehen. Ein relativ hoher Lagerbestand ist dann zwar recht bequem, doch auch sehr teuer. Nicht zuletzt dadurch, dass es durch die vielen Änderungen sein kann, dass ein Bestand an Material gar nicht mehr benötigt wird, und vernichtet werden muss.

Die Alternative ist, die Bestände zu reduzieren. Dabei treten dann die vorher abgedeckten Probleme auf. Es ist dann die Aufgabe, die Prozesse zu verbessern (KVP: Kontinuierlicher Verbesserungsprozess). Wenn die Mitarbeiter so eine Arbeitsweise nicht gewohnt sind, werden sie bei der kleinsten Kleinigkeit wieder dazu tendieren, Bestände aufzubauen. Es entsteht so ein JO-JO-Effekt.

Jede Art von Verschwendung (Japanisch: Muda) zu vermeiden ist in Zeiten knapper Ressourcen weltweit immer wichtiger geworden. Dabei kommt es, wie in dem Beispiel zu sehen, nicht nur in produzierenden Unternehmen zu solchen Effekten.

Auch in eher dienstleistungsorientierten Unternehmen kommt es in vielfältiger Weise zu Verschwendungen, die dann ganz einfach in die Gemeinkosten übergehen, ohne dass sich jemand dazu Gedanken macht.

Auch im Projektmanagement kann es zu massiven Verschwednungen kommen. Siehe dazu Lean Project Management: Mit dem Project Management Waste Index (PMWI) den Grad der Verschwendung in Projekten identifizieren.

Lean Project Management: Mit dem Project Management Waste Index (PMWI) den Grad der Verschwendung in Projekten identifizieren

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In sehr vielen (allen?) Projekten kommt es zu Verschwendungen, die den Erfolg des Projekts mehr oder weniger stark beeinträchtigen können. Lean Project Management hilft dabei, diese Verschwendungspotenziale aufzuzeigen und anzugehen. Basis sind die aus dem Toyota-Produktions-System (TPS) bekannten Verschwendungsarten, die auf Projekte übertragen und angepasst werden können.

„Dazu gehören Warten, Überbearbeitung sowie auch Unterbearbeitung, Fehler, unnötige Bewegung sowie Fehlallokation und Fehlweisung. Für die Ermittlung des PMWI wurde ein Fragebogen entwickelt, in dem je Verschwendungsart drei praxisnahe Aussagen formuliert wurden, die jeweils auf einer Likert-Skala von 0 (nie bzw. keine) bis 4 (fast immer bzw. gravierend) einerseits nach der Häufigkeit ihres Auftretens und andererseits nach dem Schweregrad ihrer Auswirkung in den betrachteten Projekten bewertet werden können. Dadurch ergeben sich insgesamt 21 Bewertungen. Auf dieser Grundlage lässt sich der Project Management Waste Index als Kennzahl für Verschwendung im Projekt, erheben.“ (Erne/Hüsselmann/Langhardt (2023): Wie Sie Verschwendung in Ihren Projekten identifizieren und eliminieren, in: ProjektmanagementAktuell 03/2023).

Interessant dabei ist auch, dass in einer Studie aus dem Jahr 2021 in der DACH-Region ein PMWI von ca. 25 ermittelt wurde. Als wesentliche Verschwendungsarten wurden Warten, Fehlallokation und Unterbearbeitung genannt (vgl. dazu Erne et al. 2021). Siehe dazu auch Lean Project Management: Verschwendungsarten in Projekten, Agilität (Strategie) mit Lean-Agile umsetzen, Agiles Projektmanagement und Lean Projektmanagement unterscheiden.

Solche Zusammenhänge thematisieren wir auch in den von uns entwickelten Blended Learning Lehrgängen, Projektmanager/in (IHK) und Projektmanager/in Agil (IHK), die wir an verschiedenen Standorten anbieten. Weitere Informationen zu den Lehrgängen und zu Terminen finden Sie auf unserer Lernplattform.

The EU generates 12.6 million tonnes of textile waste per year

Die Schlagzeile deutet schon an, um welches Problem sich die EU kümmern will. Es ist die massive Verschwendung innerhalb der Textilindustrie. Die folgenden Zahlen sprechen auszugsweise für sich.

„The EU generates 12.6 million tonnes of textile waste per year. Clothing and footwear alone accounts for 5.2 million tonnes of waste, equivalent to 12 kg of waste per person every year. Currently, only 22% of post-consumer textile waste is collected separately for re-use or recycling, while the remainder is often incinerated or landfilled“ (European Commission (2023): Circular economy for textiles: taking responsibility to reduce, reuse and recycle textile waste and boosting markets for used textiles).

Wie konnte es zu solchen Entwicklungen kommen? Zunächst einmal ist es die Effizienz von Herstellungsprozessen, die dazu geführt hat, dass der Output an Textilprodukten massiv angestiegen ist, und in den Markt „gedrückt“ wurde – der Rest wurde eben vernichtet, oder hat andere Märkte (z.B. in Afrika) teilweise überschwemmt. Die Verbraucher haben diese Verschwendung allerdings mit den hohen Preisen mitbezahlt.

Auf den verscheidenen Konferenzen, an denen ich teilgenommen habe, kursierte ein Betrag von 20-30% des Verkauspreises, der für die Vernichtung/Beseitigung von Überproduktionen bezahlt wird.

Ein weiterer Punkt ist die unsägliche Variantenproduktion, mit der versucht wird, möglichs viele Anforderungen von Kunden zu erfüllen. Das führt allerdings in eine Komplexitätsfalle, die seit Jahrzehnten bekannt ist, und ihren Lösungsansatz in Mass Customization (PDF) gefunden hat. Schon auf der MCPC 2001, der ersten Weltkonferenz zu Mass Customization in Hong Kong – an der ich teilgenommen habe-, wurden viele Case Studies aus der Textilindustrie vorgestellt, wie Mass Customization scheinbar divergierende Anforderungen (Individualisierung zu einem leicht erhöhten Standardpreis) integriert.

Solche Beispiele wurden auf den dann folgenden Weltkonferenzen immer wieder gezeigt, doch die massenhafte Umstzung von Mass Customization in der Textilindustrie in auch nach mehr als 20 Jahren (MCPC 2001 in Hongkong) nicht erreicht worden. Warum ist das so?

Es liegt meines Erachtens nicht an den technischen Lösungen, die in der Zwischenzeit ausgereift sind (Konfiguratoren, Laser Cutter usw.), sondern hauptsächlich an den Konsumenten. Diese kaufen Marken und Modetrends und weniger eine Textilie, die ihren Anforderungen entspricht. Darüber hinaus wissen viele Konsumenten auch nicht mehr, was Qualität bei einer Textilie bedeutet.

Die Überschrift des Blogbeitrags weist auf die Textilindustrie hin, doch solche Zahlen gibt es auch bei den verschwendeten Lebensmitteln, bei der Autoproduktion usw. usw. Da die Unternehmen und Konsumenten nicht in der Lage sind, ihren Verkaufs- und Konsumrausch zu regulieren, muss das die EU übernehmen, denn unendliche Ressourcen stehen uns weltweit nicht zur Verfügung.

Sprechen Sie mich bitte an, wenn Sie daran interssiert sind, die hybride Wettbewerbsstrategie Mass Customization für Ihre Organisation umzusetzen.

FAO (2011): Global Food Losses and Food Waste

Die Studie FAO (2011): Global Food Losses and Food Waste zeigt noch einmal auf, wie verschwenderisch mit Lebensmittel umgegangen wird: Ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel geht verloren oder wird verschwendet. Warum sollte es allerdings in der Lebensmittelbranche anders sein als in der Bekleidungsindustrie (30%), der Automobilindustrie (20-30%), usw.? Es wird deutlich, dass die massenhafte Herstellung von Produkten und Dienstleistungen (inkl. der Variantenproduktion) an ihre Grenzen gestoßen ist. Langsam aber sicher wird das immer mehr Menschen klar, die nach Alternativen suchen – und die gibt es. Siehe dazu auch Mass Customization oder Open Innovation.

IMB Forum (21.-22.11.2007, Köln): Mass Customization und Open Innovation in der Bekleidungsindustrie

imb-forum-2007.jpgDas fünfte IMB-Forum fand vom 21.-22.11.2007 in den Messehallen Köln statt. Schwerpunkt des Forums und der Ausstellung war die Informationstechnologie für die Bekleidungsindustrie. Dabei ist oftmals nur am Rande bemerkt, dass es sich dabei um die konkrete Umsetzung von Mass Customization (Kundenindividuelle Massenproduktion) geht. Wie schon seit Jahren bekannt, ist gerade die Bekleidungsindustrie dabei weltweit sehr aktiv. Das liegt einerseits an dem generellen Trend zur Individualisierung und andererseits daran, dass die vorherrschende Verschwendung durch massenproduzierte Produkte (die zu einem großen Teil nicht verkauft werden) nicht mehr wirtschaftlich ist. Bei der konkreten Umsetzung von MCP-Strategien gibt es allerdings sehr unterschiedliche Herangeshensweisen, die nicht immer alle vier Ebenen von MCP im Blick haben. Eine moderne IT-Infrastruktur ist notwendig, allerdings alleine nicht ausreichend für die erfolgreiche Umsetzung von Mass Customization in der Bekleidungsindustrie. Auf den verschiedenen Weltkonferenzen zu Mass Customization and Personalization (Zuletzt auf der MCPC2007) konnte ich das immer wieder feststellen. Bei diesem IMB-Forum möchte ich allerdings das Congress-Programm hervorheben: Am 21.11. stellten Prof. Frank Piller und Prof. Reichwald das Konzept der Interaktiven Wertschöpfung vor, das auf Open Innovation (vgl. z.B. Eric von Hippel: Democratizing Innovation) zurückgeht. Interessant ist das deshalb, weil dieser Ansatz viel mehr vom Kunden ausgeht, und den Kunden stärker an der Wertschöpfung beteiligt als es Mass Customization vorsieht. Nicht zuletzt wurden auch Ergebnisse des europäischen Leitprojekt LEAPFROG vorgestellt, auf das ich in einem separaten Blogbeitrag noch intensiver eingehen werde. Es tut sich (endlich) etwas in der Bekleidungsindustrie – jetzt müssen es nur noch die Kunden merken … Siehe dazu auch

  1. Mass Customization in der Bekleidungsindustrie wird immer erfolgreicher
  2. Schuhe für das 21. Jh. – Warum nicht gleich richtig?