Was bedeutet es, wenn wir uns von einer Risikogesellschaft zu einer Bedrohungsgesellschaft entwickeln?

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In dem von Ulrich Beck 1986 veröffentlichten Buch Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne ging es dem Autor darum aufzuzeigen, dass die Gesellschaft lernen muss, die den von ihr selbst verursachten Technologiefolgen zu bewältigen. Dabei handelt es sich nicht mehr um eine einfache Modernisierung, sondern um eine Reflexive Modernisierung, was einen Strukturbruch bedeutet. Dazu sollen zunächst wichtige Begriffe geklärt werden:

Gefahr: antizipierte Verluste, denen keine Handlungsintention zugeschrieben wird (etwa ein Meteoriteneinschlag).
Risiko: ein antizipierter Verlust als Nebenfolge einer als positiv bewerteten Handlungsabsicht (etwa Investitionsrisiken).
Bedrohung: ein antizipierter Verlust, der einer negativen Handlungsintention zugeschrieben wird (etwa ein Überfall).

Quelle: Golka, P. in Gesellschaftsforschung 1/2026, Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung

Wenn es um die Risiken nach Beck geht, geht es auch um die Frage nach komplexen Problemlösungen auf verschiedenen Ebenen einer Gesellschaft. Es hier ist also eher ein positives Umgehen mit der Situation gemeint, wobei alle in den Prozess mit einbezogen werden.

In der Zwischenzeit interpretieren allerdings viele Einzelpersonen, Gruppen, Organisationen, Unternehmen, öffentliche Verwaltungen und ganze Gesellschaften den Begriff „Risiken“ als „Bedrohungen“ um , was fundamental Änderungen im Umgang miteinander zur Folge hat, da dadurch bewusst Ausgrenzungen angestrebt werden. Dabei werden Fakten bewusst übertrieben oder auch bewusst falsch dargestellt, wobei den Initiatoren die sehr geringe Aufmerksamkeitspanne von Usern in den Medien zu Gute kommt. Das Ergebnis:

Ausgrenzung wird in der Bedrohungs-Logik als Täter-Opfer-Beziehung dargestellt.

„Materielle Risiken dienen primär als Mittel, um eine Täter-Opfer-Beziehung zu konstruieren, und nicht als Ausgangspunkt für die Suche nach Lösungen. Dies wirft die Frage auf, ob und inwiefern gegenwärtige Gesellschaften zunehmend durch eine solche Bedrohungslogik strukturiert werden – wir uns also von einer Risiko- in eine Bedrohungsgesellschaft entwickeln“ (Golka, P. in Gesellschaftsforschung 1/2026, Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung).

Achten Sie doch bitte einmal darauf, wie oft Begriffe wie „Bedrohung“, „bedroht“ usw. in den Medien vorkommen. In meinem Blog-Beitrag Der Droh-Journalismus geht mir auf die Nerven vom 10.03.2009 habe ich das schon einmal anhand von Beispielen deutlich gemacht. Geändert hat sich bis heute nichts – im Gegenteil.

Dennoch kann jeder versuchen, sich die Zusammenhänge selbst und anderen klar zu machen, und das Vokabular der Bedrohungslogik nicht zu verwenden.

Siehe dazu auch Freund, R. (2011): Das Konzept der Multiplen Kompetenz auf den Ebenen Individuum, Gruppe, Organisation und Netzwerk.

Beck: Individualisierung ist ein Unbegriff, ein Unding

In den vergangenen Jahrzehnten ist ein deutlicher Trend in der Gesellschaft und in der Wirtschaft zu erkennen: Die Entgrenzung der ersten Moderne – mit ihren Rollen, Klassen und Systemen – führt in einer eher Reflexiven Modernisierung zu Entgrenzungen und zu mehr Individualisierung.

Der wirtschaftliche Teil der Entwicklung zeigt sich in immer stärker individualisierten Produkten und Dienstleistungen und in der Hybriden Wettbewerbsstrategie Mass Customization / Mass Personalization. Dabei wird sehr stark von dem Individuum ausgegangen, und die individuellen Bedürfnissen betrachtet. Der Soziologe Ulrich Beck sieht diesen Ansatz kritisch und begründet das wie folgt:

„Individualisierung allein, gleichsam als autistischer Massenindividualismus gedacht, ist ein Unbegriff, ein Unding. Individualisierung steht unter dem normativen Anspruch der Ko-Individualisierung, das heißt: der Individualisierung mit- oder gegeneinander. Aber die Individualisierung (der) des Einen ist oft genug die Grenze der Individualisierung des (der) Anderen. So werden mit zunehmender Individualisierung auch die nervigen Grenzen derselben mit erzeugt. Anders gesagt: Individualisierung ist ein durch und durch gesellschaftlicher Sachverhalt oder gar nichts. Die Vorstellung eines autarken Ich ist pure Ideologie“
Beck (2001): Das Zeitalter des „eigenen Lebens“. Individualisierung als „paradoxe Sozialstruktur“ und andere offene Fragen | PDF

Es macht nach Beck Sinn, den Blick auf den individuellen Bürger oder auch auf den individuellen Konsumenten stärker zusammen mit seinen Vernetzungen mit anderen zu sehen. Es zeigt sich auch hier wieder, wie eng soziologische und wirtschaftliche Bereiche vernetzt sind.

Matthias Horx? So ein Quatsch! – Antwort auf ein Essay

Normalerweise sind meine Artikelüberschriften nicht so reißerisch, doch diesmal mache ich eine Ausnahme, denn Herr Horx hat in dem Essay „Energie 2030“ (Die Welt vom 22.03.2011, S. 2) eine ähnlich martialische Formulierung in Bezug auf den vom Soziologen Beck etablierten Begriff der „Risikogesellschaft“ verwendet. Manchmal fällt so etwas auf einen selbst zurück… Herr Horx setzt sich mit dem Thema Risiko in Verbindung mit der aktuellen Energiedebatte auseinander. Der Artikel strotzt nur so von Zukunftsvisionen, die als Fakten scheinbar unumstößlich sind: „Im Jahr 2030 wird der Weltenergiebefarf um 40 Prozent gestiegen sein. (…) Die Kernkraft wird durch Fukushima sicherer werden,(…). So wird das Restrisiko nie ganz verschwinden. Aber es wird immer kleiner“. Mich erinnern solche scheinbar klaren und eindeutigen Statements an Vorhersagen von Konjunkturprognosen, Finanzmarktentwicklungen, Wahlen, Wettervorhersagen usw., die oft daneben liegen – warum nur? Siehe dazu auch The Black Swan und Expect the Unexpected! Der Bezug zu Beck mit seinem Begriff „Risikogesellschaft“ ist durchaus berechtigt, allerdings weist die Erläuterung von Herrn Horx darauf hin, dass er die Zusammenhänge wohl etwas eigenwillig und tendenziell interpretiert. Die von ihm angesprochenen Risiken sind im Sinne von Knight (Knight´sche Unsicherheit) quantifizierbar und beeinflussbar. Es geht hier allerdings auch um die dabei ignorierten Nebenfolgen mit ihren oftmals unabsehbaren (reflexiven) Einflüssen (Reflexive Modernisierung). Dieser Umgang mit Uncertainty, im Sinne einer positiven Grundeinstellung zur Bewältigung von Unsicherheit/Unbestimmtheit, kann durch den Menschen und weniger durch Technologie erfolgen. Die technologisch ausgerichtete Argumentation des Autors geht somit am Kern der Debatte vorbei. Man kann nur im Sinne der Artikelüberschrift antworten: So ein Quatsch! Es wundert mich doch ein wenig, dass Die Welt dem Autor fast eine 3/4-Seite zur Verfügung gestellt hat. Wenn ich allerdings an die heute stattfinden Landtagswahlen denke, wundert es mich dann doch nicht mehr: Honni soit qui mal y pense.

Huys/de Rick/Vandenbrande (2005): Enhancing Learning at Work

Dieser Bericht der Universität Leuven stellt deutlich dar, wie wichtig das Lernen am Arbeitsplatz ist (Seite 1): „An important goal in the European Lisbon strategy is the enlargement of lifelong learning activities. Achieving this goal does not necessarily mean that more European employees are involved in training activities. Norvegian research has confirmed that most learning of employees is the result of learning opportunities in the job. Most learning is the result of learning while working be it on or off the job.“ Das wiederum entspricht sehr gut den Hinweisen von Rauner (2004), der dafür plädiert, viel stärker das Lernen im Arbeitsprozess zu beachten. Der Begriff „Arbeitsplatz“ sollte auch möglichst nicht mehr verwendet werden. Ich mag den Begriff „Tätigkeitsportfolio“ (Beck).