Emergentes Verhalten gibt es auch bei der Interaktion vieler KI-Agenten

AdobeStock_650993865

Wenn es um Komplexität und Künstliche Intelligenz geht, kommt man schnell zu der paradoxen Situation, dass Künstliche Intelligenz Komplexität einerseits reduzieren/bewältigen kann, andererseits aber auch selbst dazu beiträgt, Komplexität zu erhöhen.

Wie ich schon in vielen Beiträgen geschrieben habe, kommt es in komplexen Systemen – auch in KI-Systemen – zu Emergenz, d.h. zu einem neuen, überraschenden Verhalten, das nicht auf die ursprünglichen Komponenten im System zurückgeführt werden kann. Siehe dazu auch Komplexe Systeme: Ist die Antwort einfach mehr Daten?

Betrachten wir das Zusammenspiel von den aktuell überall diskutierten KI-Agenten, so können die Überlegungen auch dafür angewandt werden:

„Emergentes Verhalten – Komplexes, unerwartetes Verhalten, das aus der Interaktion vieler Agenten entsteht, ohne explizit programmiert zu sein“ (Mittelstand Digital, 2025).

Es erstaunt mich daher immer wieder, dass die bekannten Tech-Konzerne ihre proprietären KI-Systeme anpreisen unter der Überschrift, dass alles in irgendeiner Form kontrollierbar sei – das ist es eben nicht.

In der letzten Zeit ist es sogar so weit gekommen, dass die Veröffentlichung von neuen KI-Modellen von der amerikanischen Administration verboten oder eingeschränkt wurde, da nicht wirklich klar war, welche Auswirkungen die Veröffentlichung und Nutzung haben könnte: „Die US-Regierung hat die Nutzung der KI-Modelle Fable 5 und Mythos 5 von Anthropic aus Gründen der nationalen Sicherheit stark eingeschränkt“ (Tagesschau vom 13.06.2026).

Im Extremfall kann es daher sein, dass Gewinne aus den möglichen Komplexitäts-Reduzierungen (Effizienzsteigerungen) durch Künstliche Intelligenz bei den Konzernen bleiben, und die unübersehbaren Konsequenzen der auch vorhandenen Komplexitäts-Erhöhung sozialisiert werden – also von den Gesellschaften getragen und bezahlt werden müssen.

Es ist daher gut, das die Europäische Union nach Möglichkeiten sucht, neue Technologien zu fördern, gleichzeitig aber auch deren gesellschaftlichen Auswirkungen im Blick zu behalten. Siehe dazu auch Bris, A. (2025): SuperEurope: The Unexpected Hero of the 21st Century.

Cyberself, Persönlichkeit und analoges Selbst in digitalen Räumen

AI (Artificial intelligence) AI management and support technology in the Business plan marketing success customer. AI management concept.

Jede Person möchte seine Persönlichkeit, seine Kompetenz kommunizieren. Das passiert im analogen Raum genauso wie in digitalen Räumen. Mit Hilfe von digitalen Medien transportiert jeder moderne Mensch Fragmente seiner Persönlichkeit in unterschiedlichen digitalen Räumen. Dabei kann es durchaus passieren, dass die im Digitalen Raum 1 dargestellte Person, sich von der im Digitalen Raum 2 unterscheidet.

Andererseits ist diese Perspektive auch reflexiv zu sehen, denn die Interaktionen und Kommunikationen mit anderen wirken durchaus auch auf die eigene, digitale und analoge Person zurück. Dazu passt ganz gut der folgende Text:

„Das dadurch repräsentierte Selbst muss jedoch nicht zwangsläufig dem realen, analogen Selbst entsprechen, sondern kann auf eine bewusst optimierte Repräsentation hinauslaufen oder eine fiktive andere Gestalt annehmen. Zudem können sich Subjekte in diversen digitalen Netzwerken unterschiedlich repräsentieren. Auch Laura Robinson argumentiert, dass das Subjekt anhand der digitalen Elemente ein „self-ing“ betreibe und sich sodann als „Cyberself“ (2007, S. 98) hervorbringe. Das Cyberself sei ein ephemeres Selbst, so Robinson, welches nur für kurze Zeit beständig, rasch änderbar und ohne langfristige Bedeutung sei, da es sich stets in Abhängigkeit zu Handlungen bilde (vgl. ebd.)“ (Rathmann 2022).

Es stellt sich für mich die Frage, wie sich beispielsweise die immer stärkere Nutzung von KI-Modellen auf das analoge Selbst und das Cyberself auswirkt. Wenn die Richtung der kommunikativen Wechselwirkungen auch reflexiv ist, sind KI-Modelle durchaus persönlichkeitsverändernd.

Das kann einerseits positiv zur eigenen Entwicklung beitragen, oder eben auch nicht. Bei den, von den amerikanischen Tech-Konzernen entwickelten Modellen, habe ich so meine Bedenken, da diese Modelle ein Mindset repräsentieren, dass für Menschen, und ganze Gesellschaften gravierende negative Folgen haben kann.

Die Intransparenz der bekannten Closed Sourced Modelle wie ChatGPT von OpanAI oder Gemini von Google etc. oder auch das von Elon Musk beeinflusste Modell Grok von X repräsentieren eine Denkhaltung, die auf ein von Technologie dominiertes Gesellschaftssystem ausgerichtet sind. Es stellt sich die Frage, ob wir das so wollen.

Siehe dazu auch Digitale Souveränität: Europa, USA und China im Vergleich und ausführlicher Maria Salvatrice Randazzo & Guzyal Hill (2025): Human dignity in the age of Artificial Intelligence: an overview of legal issues and regulatory regimes. Australien Journal of Human Rights, pages 386-408 | Received 28 Aug 2023, Accepted 12 Nov 2024, Published online: 23 Apr 2025